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Frühjahr 2010: Warum waren die Bestände regional geschwächt?

Nach Winter 2009/2010 konnten in der Praxis stellenweise starke Schäden beobachtet werden – betroffen waren Roggenflächen vor allem im Norden sowie Nord-Osten Deutschlands. Die Ursachen dafür konnten bislang nicht eindeutig geklärt werden.

Ein Gespräch zu den möglichen Ursachen mit Volker Michel, Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei in Mecklenburg-Vorpommern:

Herr Michel, wie beurteilen Sie die Situation in Ihrem Einzugsgebiet? Welche Schaderreger bzw. Ursachen konnten Sie für diese Schäden feststellen und wie war deren Gewichtung?
Schädigungen und Totalausfälle von Beständen nach Winter wurden beim Winterroggen auffälligerweise deutlich häufiger gemeldet, als bei anderen Wintergetreidearten. Offensichtlich waren Auswinterungen im Sinne von Frostschäden nicht der entscheidende Auslöser. Vielmehr spielte die lang anhaltende Schneebedeckung mit weitgehendem Luftabschluss sowie Temperaturen nur um den Gefrierpunkt bei hoher Luftfeuchte eine entscheidende Rolle. Unter diesen Bedingungen konnte sich Schneeschimmel als Sekundärparasit gut entwickeln. Bei Beständen mit guter Vorwinterentwicklung führte dies aber in der Regel nicht zu gravierenden Schädigungen. Bedeutende Schäden sind im Zusammenhang zu sehen mit einem Komplex ungünstiger Bedingungen, wonach dann Schneeschimmel als Sekundärparasit und nachfolgend späte Wechselfröste den Ausschlag geben konnten. Sehr spät gedrillte Bestände, im Einzelfall auch sehr früh gedrillte, überwachsene Bestände oder auch Herbizidschäden nach ungleichmäßig tief gedrillten Roggensaaten wurden mit Starkschäden in Verbindung gebracht.
Auf die Gesamtanbaufläche bezogen ist der Anteil nachhaltig starker Schädigungen aber als eher gering einzuschätzen.  

Wie stark konnten Sie die Schadbilder bei anderen Getreidearten beobachten?
In den Landesortenversuchen wurden bei Wintertriticale und bei Winterweizen ähnlich starke, z.T. sogar ausgeprägtere Schäden beobachtet, als beim Winterroggen. Von Praxisschlägen gab es allerdings weniger gravierende Rückmeldungen. Starke Schäden beim Winterweizen waren in der Praxis in der Regel mit sehr früher Aussaat wüchsiger Sorten in Verbindung zu bringen. Hier sollten die Saatzeit spezifischen Empfehlungen der Landesforschungsanstalt berücksichtigt werden – Sorten mit sehr intensivem Wachstum im Herbst werden generell nicht für Frühsaaten empfohlen.
Bei Triticale waren ausgesprochene Sorteneffekte in den Landessortenversuchen zu verzeichnen, die sich in den Sortenempfehlungen niederschlagen werden. Aus der Praxis gab es, sicherlich auch aufgrund der geringen Anbauflächen, keine Rückmeldungen

Konnten Sie Unterschiede zwischen den Roggensorten feststellen?
In den Landessortenversuchen stehen die Sorten im direkten Vergleich unter ansonsten gleichen Anbaubedingungen (Saatzeit, Saatqualität, Herbizideinsatz ...) -  im Gegensatz zu Rückmeldungen aus der Praxis. In diesen Versuchen fiel die Sorte Palazzo mit starken Schädigungen etwas auf. Dies bestätigten auch die Rückmeldung aus der Praxis. Allerdings waren die Schädigungen in den Versuchen bei weitem nicht so erheblich und auch die Unterschiede zwischen den Sorten waren nicht fundamental. In keinem Versuch gab es Sorten mit umbruchwürdigen Beständen. Allerdings wurden alle Landessortenversuche im optimalen Saatzeitfenster gedrillt.

Welche Maßnahmen empfehlen Sie dem Landwirt für den zukünftigen Roggenanbau? 
Dieser Winter zeigt wieder einmal, dass es Konstellationen im Wechselspiel Witterung und Wachstum gibt, bei denen einzelne Sorten nachteilige Wirkungen zeigen, die im gesamten bisherigen Prüf- und Anbauzeitraum noch nicht beobachtet wurden. Daher liegt in einer zu einseitigen Ausrichtung auf eine Sorte ein grundsätzliches Risiko. Ich empfehle Betrieben mit größerer Roggenfläche grundsätzlich eine Mehrsortenstrategie, um das Risiko besser zu verteilen.
Auch im Roggenanbau ist die Einhaltung der regional optimalen Saatspanne, eine gute Saatbett- und Aussaatqualität sowie ein fachlich fundierter Herbizideinsatz erforderlich. Auch aus „normalen“ Jahren ist die negative Wirkung von Spätsaaten auf den Ertrag des Roggens bekannt. Genau wie beim Winterweizen ist aber auch von extremen Frühsaaten bei im Herbst sehr wüchsigen Sorten abzuraten.

Wie schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Auftretens im Getreidebau?
Die Wahrscheinlichkeit des Eintretens einer ähnlichen Konstellation wie in diesem Winter ist eher gering. Wenn man die Auswinterungsereignisse von 1996‚ 2003, 2007 und jetzt 2010 betrachtet, so ist zu verzeichnen, dass sich alle erheblich im Ursachenkomplex und demzufolge auch in der Sortenrangierung unterscheiden.
Winterfestigkeit ist also ein sehr vielschichtiges Merkmal, dass weit über die reine Frosthärte (die z.B. in Klimakammern getestet wird) hinausreicht. Insofern sollten die Sortenunterschiede, die sich in diesem Jahr gezeigt haben, zwar einerseits nicht ignoriert aber andererseits auch nicht überbewertet werden.

Rechtshinweis

Alle Darstellungen erfolgen nach bestem Wissen und Gewissen, aber ohne Gewähr. Die dargestellten Daten und Grafiken geben Erkenntnisse wieder, die im Rahmen von Landessortenversuchen, Wertprüfungsversuchen und Eigenversuchen gewonnen wurden. Trotz größter Sorgfalt können wir aus diesem Grunde insbesondere nicht garantieren, dass diese Ergebnisse unter allen Bedingungen wiederholbar sind; sie können daher nur Entscheidungshilfen für Sie darstellen.

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